Austrian Mountain News

Similaun und Hintere Schwärze Überschreitung

Die hohen Ötztaler: Hintere Schwärze (links) und Similaun (rechts)

Die hohen Ötztaler: Hintere Schwärze (links) und Similaun (rechts)

In den Ötztaler Alpen stehen sechs der zehn höchsten Berge Österreich. An der Grenze zu Südtirol erheben sich neben dem dritthöchsten Berg Österreichs, der Weißkugel, noch zwei weitere imposante Berge, nämlich Similaun (3599m) und Hintere Schwärze (3624m), die ebenso zu den höchsten Bergen Österreichs zählen. Sie sind zwar keine direkten Nachbarn, da zwischen den Gipfeln die drei Marzellspitzen stehen, dennoch kann man sie in einer ausgedehnten und anspruchsvollen Hochtour besteigen. 

Aufstieg zur Similaunhütte
Seit meiner Bergtour 2012 auf die Wildspitze war ich nicht mehr im Ötztal. Gerade die Bergwelten südlich von Vent sind für mich noch ein weißer Fleck auf der Landkarte, doch das sollte sich nun ändern. Gegen Mittag erreiche ich Vent. Das kleine idyllische Bergsteigerdorf am Talschluss des Ötztal hat sich seit meinem letzten Aufenthalt kaum verändert. Es ist ein herrlicher Tag! Die Bergwelten strahlen im Sonnenschein und erscheinen in schönen Kontrasten. Um mein heutiges Ziel, die Similaunhütte, zu erreichen, habe ich ca. fünf Stunden Gehzeit und knapp 1200 Höhenmeter vor mir. Eigentlich ist der Weg zur Martin Busch Hütte, die auf halbem Weg zur Similaunhütte liegt, noch offiziell wegen Steinschlag gesperrt, aber dazu später mehr (am Ende des Beitrags). 

Südlich von Vent steige ich im Wiesenhang des Ochsenkopflift auf. Entlang einer angenehm ansteigenden Forststraße, die von Wanderern und Mountainbikern genutzt wird, geht es nun Richtung Süden hinein ins Niedertal. Nach ca. einer halben Stunde passiere ich die Jagdhütte. Der mächtige Similaun, der vom Marzellferner und Niederjochfernen begrenzt wird, zeigt sich am Weg zur Martin Busch Hütte zum ersten Mal. Bald nach der Jagdhütte wechselt der Weg auf die andere Seite des Niedertalbachs. Dieser alternative Weg wurde erst heute fertiggestellt und soll die steinschlaggefährdeten Bereiche des Weges auf der gegenüberliegenden Seite ersetzen. Während der alternativen Route muss man absteigen und den Bach zweimal überqueren, ehe der Weg wieder auf die andere Seite wechselt.

Nach kapp zwei Stunden erreiche ich die Schäferhütte. Neben dem Similaun tritt hier ein weiterer mächtiger Dreitausender, die Mutmalspitze (3522m) mit ihrem Hängegletscher ins Blickfeld. Die Bergwelten der Ötztaler Alpen sind wirklich sehr imposant. Weiter entlang des Weges erreiche ich die Martin Busch Hütte, die ungefähr auf der Hälfte der Wegstrecke zur Similaun Hütte liegt. 

 

Auch nach der Hütte ist der Weg nur wenig steil und führt vorbei am Gipfelaufbau der Kreuzspitze (3455m), einem hervorragenden Aussichsberg in den Ötztaler Alpen. Ich passiere die letzten Wiesenflecken, ehe die Landschaft karger wird. Im Süden erscheint der Hauslabkogel (3402m) hinter dem sich die Fundstelle des „Mann vom Tiesenjoch“ (aka Ötzi) befindet. Am Weg zur Similaunhütte zweigt noch ein Weg zu dieser geschichtsträchtigen Stelle am Tiesenjoch ab. Zuletzt wird der Weg steiler und ich erreiche nach ca. fünf Stunden gemütlicher Wanderung das Ziel des heutigen Tages, die Similaunhütte.

 

Ich komme rechtzeitig zum Abendessen und treffe auf meinen Bergführer Martin und verbringe einen netten Abend mit einem Ehepaar aus Korneuburg. Martin und ich schauen uns die Similaun und Hintere Schwärze Überschreitung genau auf der Karte an und er erklärt mir alle Details und Schlüsselstellen der Tour. Auf den folgenden Fotos ist der Tourenverlauf der Similaun und Hinteren Schwärze Überschreitung beschrieben und als rote Markierung gekennzeichnet.

 

Similaun und Hintere Schwärze Überschreitung
Um 6.00 Früh machen wir uns als eine der ersten Seilschaften auf zum Gipfel des Similaun. Über ein kurzes Felsstück erreichen wir den Niederjochferner. Es ist der Beginn eines wunderschönen Tages, an dem wir eine unglaubliche Weitsicht und klaren Himmel haben werden. Auf der anderen Seite des Niederjoch leuchtet der Felsaufbau der Fineilspitze (3514m) in den ersten Strahlen der Morgensonne. Trotz meines unruhigen Schlafes in der Nacht kommen wir gut am Gletscher voran. Das Eis ist hart und die Eisen greifen perfekt. Der Weg zum Similaungipfel ist zunächst nicht wirklich schwierig. Der Gletscher zieht sich nicht allzu steil bis zum Gipfelaufbau des achthöchsten Berges Österreichs. Spalten zeigen sich hier kaum. Im Süden erstrahlt die Ortlergruppe im freundlichen Morgenlicht und wir haben einen klaren Blick auf das Suldener Dreigestirn: Ortler, Zebru und Königsspitze. Nicht mal knapp drei Wochen ist es her, dass ich am Gipfel des Ortler gestanden bin, aber im Vinschgau hatte es an keinem Tag so eine perfekte Fernsicht wie heute gegeben. 

Wir haben den Gipfelaufbau des Similaun erreicht. Hier wird der Weg nun deutlich steiler und wir überwinden einen ca. 35 Grad steilen und harten Firnhang. Am Ende des Steilstücks ist es wirklich brettlhart und die Schritte müssen hier perfekt gesetzt werden. Nun wir es flacher und wir erreichen über einen eleganten breiteren Firngrat den Gipfel des Similaun in 3599m Höhe.

 

Wir haben ca. zwei Stunden zum Gipfel gebraucht und liegen gut in der Zeit. Noch ist es einsam, aber die Karawanen machen sich bereits auf den Weg zum Similaun. Die Aussicht ist umwerfend. Ich kann mich kaum erinnern, eine so großartige Weitsicht gehabt zu haben.

Südostseite der Ötztaler Alpen: Blick von der Weißkugel zur Wildspitze (aufgenommen vom Similaun)

Südostseite der Ötztaler Alpen: Blick von der Weißkugel zur Wildspitze (aufgenommen vom Similaun)

Wir steigen im felsigen Gelände an der Ostseite des Similaungipfel ab und gelangen über mehrere Schotterhänge und Schneefelder zum Grafferner, der sich von den Felsaufbauten der Marzellspitzen Richtung Süden erstreckt. Am Gletscher ist es bereits in der Morgensonne unglaublich heiß! Ein längeres Gehstück an der Südseite unterhalb der Westlichen (3529m) und Mittleren Marzellspitze (3532m) liegt vor uns. Auf der Karte sieht es einladend aus, direkt am Grat zu gehen und alle drei Marzellspitzen mitzunehmen. Vorort allerdings nimmt man bald Abstand von diesem Unternehmen. Der Fels ist brüchig und am Grat würde man nur sehr langsam vorankommen.

Wir passieren die Westliche Marzellspitze. Am Gletscher sind Messinstrumente angebracht, die möglicherweise mit der Gletschervermessung zu tun haben. Wir nähern uns langsam der Mittleren Marzellspitze. Unterhalb des Gipfels wir es nun wieder anspruchsvoller und wir müssen ein paar Steilstücke zunächst im Firn, danach im Fels überwinden, ehe wir am zweiten Gipfel unserer Similaun und Hintere Schwärze Überschreitung stehen, auf der Mittleren Marzellspitze.

 

Hier hat man einen tollen Blick auf die Hintere Schwärze, die als markantes Felssegel alle anderen Gipfel überragt. Der Weg sieht eigentlich nicht mehr weit aus, nur leider können wir nicht am Grat weitergehen. Der Zustieg über die Östliche Marzellspitze (3550m) auf den Gipfel der Hinteren Schwärze wäre technisch zu schwierig und im brüchigen Gestein auch nicht ungefährlich. Der vor uns liegende Weg wird nun anspruchsvoll! Wir steigen über den Felsgrat Richtung Östliche Marzellspitze ab und passieren ein paar Schneefelder. Der Firn ist bereits weich und wir sinken beim Gehen des Öfteren im weichen Schnee ein.

Wir erreichen nun die Schlüsselstelle der Tour, eine Scharte zwischen der Mittleren und Östlichen Marzellspitze. Von hier aus müssen wir zum Marzellferner abseilen. Martin lässt mich in ein ca. 40 Grad steiles Firnstück am Marzellferner ab. Ganz wohl ist mir nicht. Unter mir sehe ich ein paar Spalten, die heimtückisch mit Schnee bedeckt sind. Im steilen Stück während des Abseilens mache ich mich kurz mit einer Gletscherspalte bekannt, in die ich einen Fuß hineinsetzte. Ich hänge natürlich noch am Seil und kann mich mithilfe des Pickels schnell wieder herausziehen. Der steile Firn liegt im Schatten und ist sehr hart. Das Seil ist nun zu Ende und ich bleibe im Steilstück mit gespreizten Beinen stehen und stütze mich zusätzlich mit dem Pickel ab. Martin steigt das Stück zu Fuß zu mir ab. Wir queren den steilen Gletscher nach rechts, ehe mich Martin mithilfe einer Eisschraube ein zweites Mal abseilt und ich nun endlich im flachen Teil des Gletschers zum Stillstand komme.

 

Wir müssen nun am Marzellferner einen Felskamm umgehen. Der Gletscher ist hier voller Spalten und Martin sucht sich geschickt einen Weg durch das Spaltenlabyrinth. Viele Spalten sind von Schnee bedeckt. Am Ende des Felskamms müssen wir ein paar mächtige Seracs passieren. Wir haben  einige Höhenmeter verloren und müssen  über ein breites Gletscherband, das von zwei Felskämmen begrenzt ist, aufsteigen. Wir sind alleine am Gletscher. Weiter unten sehen wir eine Seilschaft, die am Weg zur Hinteren Schwärze umgekehrt ist. Später erfahren wir, dass sie sich im Gletscher nicht mehr zurecht gefunden haben. Der Marzellferner ist kein ungefährlicher Ort!

Wir sind jetzt – inklusive Pausen – gut fünf Stunden unterwegs. Ich spüre die Anstrengung schon ein wenig. Zunächst ist der Gletscher noch flacher, aber je näher wir dem Gipfel der Hinteren Schwärze kommen, umso steiler wir das Gelände. Zwischen den Gletscherhängen passieren wir ein Felsband unter dem Gipfel, ehe wir den letzten ca. 35 Grad steilen Firnhang meistern. Der Gipfel ist nun zum Greifen nahe. Wir überwinden zuletzt noch eine Kletterpassage mit einem kurzen ausgesetzten Gratstück und stehen endlich am sechsthöchsten Gipfel Österreichs, auf der Hinteren Schwärze.

 

Wir haben 6h 30min von der Similaunhütte für die Überschreitung von Similaun und Hinterer Schwärze benötigt. Nun haben wir noch mindestens drei Stunden Abstieg am endlos langen Marzellferner vor uns. Wir bleiben nicht lange am Gipfel der Hinteren Schwärze. Den ersten Teil des Abstiegs bis zu den Seracs kennen wir schon vom Aufstieg. Im mittleren Teil des Gletschers sinken wir am frühen Nachmittag schon häufig im weichen Schnee ein. Wir können keine direkte Linie wählen, da wir vielen Spalten ausweichen müssen. Der Weg zum Ende des Gletschers ist wirklich elendslange. Im unteren Teil des Marzellferner müssen wir über eine Stunde im harten Eis zurücklegen, was sich nun auch in den Knien bemerkbar macht. Die Gletscherwelt ist hier beeindruckend! Wir müssen mehrere Eisbrüche passieren. Neben uns zieht der Marzellkamm ins Tal. Die Südseite des Similaun, die ich schon vom Aufstieg zur Martin Busch Hütte kenne, ist wieder sichtbar.

Gipfelpanorama Hinteren Schwärze: Ausblick von der Ortlergruppe (links) bis zur Wildspitze (rechts)

Gipfelpanorama Hintere Schwärze: Ausblick von der Ortlergruppe (links) bis zur Wildspitze (rechts)

Endlich erreichen wir das Ende des Marzellferner und können die Steigeisen ablegen. Ich bin schon ziemlich müde! Wir sind mehr als acht Stunden unterwegs. Bevor wir aber die Martin Busch Hütte erreichen, müssen wir noch den unteren Teil des Marzellkamm in einem Gegenanstieg von gut 250 Höhenmeter überwinden. Gegen 15:30 erreichen wir endlich die Martin Busch Hütte. Ich verabschiede mich von Martin und entschließe mich nach Vent abzusteigen. Ich habe zwei der zehnthöchsten Berge Österreichs heute in einer grandiosen und aufregenden Hochtour bestiegen und bin zwar hundsmüde, aber überglücklich!

 

Ich möchte euch noch erzählen, was beim Abstieg nach Vent passiert ist!

Steinschlag mit beinahe fatalen Folgen
Ich habe euch am Anfang des Beitrags berichtet, dass der Weg zur Martin Busch Hütte eigentlich gesperrt war. Ich habe, bevor ich den Weg am 13.08.2016 passiert habe, nochmals nachgefragt, da die Sperre eigentlich noch am Weg angebracht war und ich mich nicht ganz sicher fühlte, ob ich den Weg gehen soll. Meine Bergführer bestätigten mir, dass bereits ein alternativer Weg an der Gegenseite des Baches angebracht war, um die steinschlaggefährdeten Bereiche zu umgehen. Der Deutsche Alpenverein hat dazu in einer Aussendung aufmerksam gemacht. Die Sperre wurde nach dem Anlegen des alternativen Weges mit folgender Aussendung am 13.08. 2016 aufgehoben.

Seit Samstag, 13.08.2016 ist der Weg zur Martin-Busch-Hütte wieder offen.
Im Bereich des von Steinschlag bedrohten Wegabschnittes wurde eine weiträumige Umleitung angelegt. Hierfür war der Bau von zwei Brücken, der Neubau von Wegen zu den Brücken und die Wiederherstellung eines Abschnittes des ehemaligen Weges von der Martin-Busch-Hütte zum Ramolhaus erforderlich. Die Sektion Berlin dankt für die schnelle Durchführung dieser Arbeit allen Beteiligten, vor allem der Hüttenwirtsfamilie und dem Tourismusverband.

Bitte beachten:
– Gepäcktransport zur Hütte ist derzeit nicht möglich
– Die Umleitung ist für das Befahren mit Mountainbike nicht geeignet.

Quelle: Geschäftsstelle des DAV Sektion Berlin

Genau diesen alternativen Weg bin ich beim Aufstieg auch gegangen und gehe ich jetzt beim Abstieg abermals. Vertieft in Gedanken über die Tour und auch schon ziemlich am Ende meiner Kräfte höre ich plötzlich ein kräftiges Brummen auf der gegenüberliegenden Seite des Baches. Eine riesengroße Staubwolke gefolgt von einem tiefen Grollen macht sich bemerkbar. Ich höre vor mir ein paar Wanderer schreien, ehe ich auf der Gegenseite einen Felsbrocken vom Berghang auf den gesperrten Weg runterfallen sehe. Ich traue meinen Augen nicht! Auf dem gesperrten Weg befinden sich in der Falllinie des Felsbrocken zwei Wanderer.

Zwei Damen beginnen zu schreien, damit sich die Wanderer schneller bewegen. Zunächst reagieren die Wanderer nicht. Der Felsbrocken nimmt immer mehr Geschwindigkeit auf und reißt alles mit sich, was ihm im Weg steht und lässt in der Vegetation einer Schneise der Verwüstung hinter sich. Ich kann nicht mehr hinsehen und dachte echt ich sehe die Wanderer nun sterben. Endlich reagiert einer der Wanderer und beginnt zu rennen und die beiden schaffen es, aus der Falllinie zu kommen. Wenige Sekunden später schlägt der Fels mit lautem Brummen ca. 30 Meter hinter den Wanderern in den Niedertalbach ein. 

 

Verdammt noch mal! Was zum Geier denken sich diese Leute, wenn ein Weg gesperrt ist (siehe Foto unten) und es einen alternativen Weg gibt? Die Wanderer waren nicht die Einzigen, die den gesperrten Weg benutzt haben, auch einige Mountainbiker konnten wir von der gegenüberliegenden Seite aus erkennen. Sind diese Leute lebensmüde? Ich habe den aufsteigenden Wanderern davon erzählt und ihnen gesagt, dass Sie bitte ja den alternativen Weg gehen sollen!

Ich kann nur an den gesunden Menschenverstand appellieren und empfehlen, solche Hinweise ernst zu nehmen!  

Gesperrte Wege sollte man ernst nehmen!

Bitte Teilen!Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone

Ein Kommentar zu “Similaun und Hintere Schwärze Überschreitung

  1. Miguel Bergfex

    Hallo Stefan!

    Gratulation zu dieser Gewalttour „tour de force“ im letzten Jahr! Ich hatte am 5. August 2017 den majestätischen Eisriesen Similaun bestiegen (meine erste Gletschertour mit einem super Bergführer). Im Zuge meiner Recherchen bzgl. Similaun bin ich auf Deine sehr gut gestaltete Website gestoßen.
    Der Weg zur Martin Busch Hütte war an jenem Abschnitt wieder gesperrt. Aber manche Zeitgenossen ignorierten dies und marschierten einfach durch,… der nächste Steinschlag folgte… .

    Liebe Grüße

    Miguel

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *